

06.02.26 –
Einen bewegten Tag hatte Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann am 31. Januar 2026 hinter sich, als er am Abend in der „Freien Studienstätte“ in Unterlengenhardt aus seinem Buch „Und alles bleibt anders – Eine kleine Geschichte der Mobilität“ las.
Schon zu Beginn war die Freude über ein bedeutendes Ereignis für die Region spürbar: Am selben Tag war die Hermann-Hesse-Bahn offiziell wieder in Betrieb genommen worden und damit Calw das erste mal seit 1983 wieder mit einem Personenzug an das Stuttgarter Schienennetz angebunden. Landrat Helmut Riegger hatte beim Eröffnungsfest betont, dass es ohne Verkehrsminister Hermann die Reaktivierung der Strecke nicht gegeben hätte. Um dieses Engagement zu würdigen, benannte er die Bahn kurzerhand augenzwinkernd in „Hermann & Hesse Bahn“ um. Diese Anekdote sorgte auch in Unterlengenhardt für Heiterkeit und für großen Applaus für Winfried Hermann.
Begrüßt wurde das zahlreiche Publikum von Dietmar Lehmann-Schaufelberger, dem Vorsitzenden des Ortsverbandes. Durch den Abend führte Fynn Rubehn, unserem Landtagskandidaten für Bündnis 90/ die Grünen für die Wahl am 8. März. Für die musikalische Umrahmung sorgte Laurin Weiß, der die Lesung am Flügel begleitete – ein Zusammenspiel von Wort und Musik, das der Veranstaltung eine besondere Atmosphäre verlieh.
In seinem Buch spannt Hermann den Bogen von den Anfängen der Motorisierung im ausgehenden 19. Jahrhundert über die Nachkriegsjahrzehnte bis in die Gegenwart und verknüpft die große Verkehrsgeschichte immer wieder mit persönlichen Erinnerungen. Geboren 1952 in Rottenburg am Neckar als Sohn eines Fuhrunternehmers, schildert er eindrücklich, wie sich Mobilität im Laufe seines eigenen Lebens verändert hat. Der ständige Perspektivwechsel vom sachkundigen Verkehrsminister mit beeindruckendem Detailwissen zum Zeitzeugen mit sehr persönlichen Erfahrungen machte die Lesung ebenso informativ wie unterhaltsam.
Die Zukunft gehört den öffentlichen Verkehrsmitteln.
Ein zentraler Punkt des Abends war die jahrzehntelange Vernachlässigung des Schienenverkehrs in Deutschland. Der einseitige Fokus auf den Individualverkehr habe große strukturelle Probleme geschaffen, so Hermann, besonders im „Autoland“ Baden-Württemberg. Auch der zögerliche Umstieg von Verbrennern auf Elektromobilität habe der heimischen Industrie geschadet und Wettbewerbsnachteile gegenüber China mit sich gebracht. Die Zukunft, so Hermanns Überzeugung, gehört nachhaltigen öffentlichen Verkehrsmitteln, ergänzt durch einfache, funktionale Mobilitätsangebote. Dabei gehe es nicht nur um Technik, sondern auch um Lebensqualität: sichere Bahnhöfe und Haltestellen, insbesondere für Frauen, lebenswerte öffentliche Räume und Städte, die wieder für Menschen statt für Autos gestaltet werden.
Fragen aus dem Publikum griff Hermann offen auf – etwa zur aufwendigen Berücksichtigung von Fledermauspopulationen beim Bahnausbau. Er erklärte die gesetzlichen Grundlagen und machte deutlich, dass Natur- und Artenschutz unverzichtbar ist, wenn wir unseren Planeten auch künftigen Generationen lebenswert erhalten wollen.
Auch Digitalisierung und neue Technologien waren Thema: Sie seien zwar aktuell Kostentreiber, zum Beispiel bei Großprojekten wie Stuttgart 21, aber unvermeidlich. Selbstfahrende Züge, emissionsfreie Verkehrsmittel und digitale Vernetzung würden die Mobilität der Zukunft prägen. Gleichzeitig nahm Hermann Sorgen über Datenschutz ernst, etwa beim „Auto als Smartphone auf vier Rädern“, zeigte sich aber insgesamt technologieoffen: Die Herausforderungen seien lösbar.
„Projekte des 21. Jahrhunderts können nicht mit der Technik des 20. Jahrhunderts umgesetzt werden“, brachte er es auf den Punkt.
Natürlich konnte Winfried Hermann an diesem Abend nicht sein ganzes Buch vorlesen, obwohl er sich viel Zeit sein interessiertes Publikum nahm. Hier bleibt die Empfehlung, sich das Buch zu besorgen, denn die Lektüre lohnt sich. Insbesondere sein Blick weit voraus. Im Kapitel „Stuttgart 51“ beschreibt er eine Stadt, die nicht für Autos, sondern für Menschen gebaut ist und durch deren öffentliche Räume er sich als 99-Jähriger im Hybridrollstuhl bewegt.
Ein Abend, der Mut machte: für eine neue Mobilität, für den Wert engagierter Politik und für eine Region, die mit der Hermann-Hesse-Bahn einen wichtigen Schritt in Richtung Zukunft gegangen ist.
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