Bündnis 90/ Die Grünen Kreis Calw

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Sucht verstehen heißt vorbeugen: Ein Abend mit der Fachstelle Sucht Calw

30.01.26 – von Kati –

Am 12. Januar lud der Ortsverband Bündnis 90/ Die Grünen Wildberg/ Teinachtal zu einem Vortrag der Fachstelle Sucht Calw ein. An diesem bewegenden Abend gaben Annika Brenner und Sara Kugel im Eschbachhof in Schönbronn Einblicke in ihre tägliche Beratungsarbeit und machten deutlich: Sucht ist kein Randthema – sie betrifft Menschen aller Altersgruppen und sozialen Milieus. Die Veranstaltung war geprägt von lebendiger Diskussion, vielen Nachfragen und großem Interesse seitens der Teilnehmenden.

Was ist Sucht eigentlich?

Ein zentraler Teil des Abends widmete sich der Frage, was Sucht eigentlich bedeutet. Anhand der Kriterien aus dem ICD-10 wurde deutlich: Nicht die konsumierte Menge ist entscheidend, sondern das Verhältnis zum Konsum. Typische Merkmale sind

  • Kontrollverlust,
  • die Einengung des Lebens auf den Substanzkonsum,
  • der Weiterkonsum trotz schädlicher Folgen,
  • starkes Verlangen oder Zwang zu konsumieren,
  • Entzugssymptome und
  • Toleranzentwicklung.

Diese Kriterien zeigen: Sucht ist keine Frage von Willensschwäche, sondern eine ernstzunehmende Erkrankung.

Sucht entsteht nie im luftleeren Raum

Ein weiterer wichtiger Punkt: Sucht entwickelt sich immer aus dem Zusammenspiel mehrerer Faktoren – Person, Umwelt und Suchtmittel. Belastende Lebenssituationen, psychische Verletzungen, soziale Umstände und die Verfügbarkeit von Substanzen greifen ineinander.

Besonders eindrücklich war das Bild vom „Suchtkreislauf“: Belastung und schwierige Gefühle führen zu innerer Spannung, Konsum verschafft kurzfristig Erleichterung – doch die negativen Folgen und Scham verstärken die Belastung erneut. Der Kreislauf beginnt von vorne.

Diese Perspektive veränderte bei vielen Anwesenden den Blick: Sucht ist kein Versagen, sondern ein Lösungsversuch – ein oft verzweifelter Versuch, mit innerem Druck umzugehen.

Wer Hilfe bekommt – und wer oft zu spät kommt

Die Fachstelle Sucht Calw berät sowohl Betroffene als auch Angehörige. 2024 wurden insgesamt 377 Menschen begleitet, die Mehrheit davon im Alter zwischen 30 und 59 Jahren. Dies spiegelt auch den Durchschnitt in anderen Beratungsstellen auch im großstädtischen Raum wieder. Sucht findet nicht nur an Orten statt, wo viele Menschen leben.

Was die Fachkräfte besonders umtreibt: Viele Menschen kommen erst sehr spät in Beratung – meist erst dann, wenn aus problematischem Konsum längst Abhängigkeit geworden ist.

Kritisch äußerten sich Annika Brenner und Sara Kugel daher auch zur aktuellen Cannabis-Teillegalisierung. Vor der Legalisierung hätten sie junge Konsument*innen oft früh erreicht – gerade weil der Konsum illegal war. Das ermöglichte frühe Gespräche, Prävention und Stärkung. Heute sei dieser Kontakt zu jungen Menschen weggebrochen. Die Sorge: Wie beim Alkohol werden Betroffene erst dann sichtbar, wenn bereits jahrelange problematische Konsummuster entstanden sind.

Ein Blick aus der schulischen Praxis

Kreisrätin und Sozialarbeiterin Sabine Huber ergänzte die Perspektive aus der Schule. Sie berichtete von einer stark veränderten Körperwahrnehmung vieler Jugendlicher, die sie unter anderem auf intensiven Social-Media-Konsum zurückführt – bei Mädchen wie bei Jungen. Das Bild vom „normalen“ Körper werde immer verzerrter, was Unsicherheiten und Selbstzweifel verstärke.

Ein weiteres wachsendes Problem sei das Vapen. E-Zigaretten würden häufig als harmlos wahrgenommen, obwohl die gesundheitlichen Folgen – insbesondere bei dauerhaft hohem Nikotinkonsum – noch längst nicht ausreichend erforscht seien. Anders als Zigaretten können Vapes fast überall konsumiert werden, sie riechen nicht nach Rauch, sondern nach Fruchtaromen, verschwinden schnell in der Tasche und entziehen sich damit nahezu jeder Kontrolle im Schulalltag.

Was die Fachstelle bewegt

Deutlich wurde an diesem Abend auch, mit welchen strukturellen Herausforderungen die Suchthilfe zu kämpfen hat. Die Referentinnen benannten drei Punkte, die sie besonders umtreiben:

  • Suchthilfe gilt noch immer als freiwillige Leistung, obwohl sie zentral für Prävention und Gesundheitsvorsorge ist. In anderen Landkreisen wurden ähnliche Beratungsstellen aufgrund von Geldmangel gestrichen.
  • Die Stigmatisierung von Betroffenen ist weiterhin groß – und erschwert den Weg in Beratung und Behandlung erheblich.
  • Die gesellschaftlichen Veränderungen, etwa durch die Cannabis-Teillegalisierung, führen aktuell dazu, dass weniger junge Menschen erreicht werden.

Prävention braucht Haltung – und politische Verantwortung

Der Abend machte deutlich: Suchtprävention ist mehr als Aufklärung über Substanzen. Sie bedeutet, Menschen ernst zu nehmen, ihre Lebenslagen zu sehen und frühzeitig Unterstützung anzubieten – in Schulen, Familien, Kommunen und im Gesundheitssystem.

Auch der Beitrag des Grünen-Landtagskandidaten Fynn Rubehn zeigte, dass dieses Thema nicht nur eine soziale, sondern auch eine politische Dimension hat. Prävention, Entstigmatisierung und verlässliche Finanzierung von Suchthilfe sind Fragen gesellschaftlicher Verantwortung.

Die Veranstaltung des Ortsverbandes der Grünen Wildberg/ Teinachtal mit der Fachstelle Sucht Calw war damit mehr als ein Fachvortrag: Sie war ein eindringlicher Appell, Sucht nicht als individuelles Scheitern zu betrachten, sondern als gemeinschaftliche Aufgabe – für eine solidarische, achtsame und präventiv handelnde Gesellschaft.

 

Mehr zur Fachstelle Sucht erfahren Sie hier: https://www.bw-lv.de/beratung/beratungsstellen/fachstelle-sucht-calw/

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