




29.09.26 –
Bad Liebenzell-Unterlengenhardt. Ein Samstagnachmittag auf dem Ulmenhof – und ein Programm, das Politik und Praxis zusammenbrachte: Der Grüne Kreisverband Calw lud am 19. September 2026 zu „Politik & Party" ein, mit Rundgang, Fachgespräch und Austausch auf Augenhöhe.
Ein Hof, der mehr ist als ein Betrieb
Der Ulmenhof in Bad Liebenzell-Unterlengenhardt ist kein gewöhnlicher Landwirtschaftsbetrieb. Inga Läuter und Mathias John übernahmen den Hof 2021 – mit dem Ziel, einen kleinbäuerlichen Betrieb zu führen, der gesunde Ernährung ermöglicht, geschlossene Kreisläufe anstrebt und Menschen in Kontakt mit Landwirtschaft und Umweltthemen bringt.
Zentrales Element des Ulmenhofs ist die Solidarische Landwirtschaft – kurz SoLaWi. Das Prinzip: Verbraucherinnen und Verbraucher gehen eine einjährige Verpflichtung zur Abnahme der Hofprodukte ein und tragen so dazu bei, dass die Landwirtinnen ein sicheres Einkommen haben und das Anbaurisiko nicht allein tragen müssen. Im Gegenzug dürfen die sogenannten Prosumenten – eine Wortkreation aus Produzent und Konsument – teilweise mitbestimmen. Kurze Wege, saisonale Produkte, keine Lebensmittelverschwendung – und ein Wirtschaftsmodell, das Fairness für beide Seiten in den Mittelpunkt stellt.
Der Rundgang über den Hof machte greifbar, was sonst abstrakt bleibt: Wie sieht biologisch-dynamische Landwirtschaft im Alltag aus? Was bedeutet es, einen Hof als lebendigen Organismus zu führen?
Agrarpolitik im Fokus: Zwei Perspektiven – Parlament und Praxis
Im Anschluss an den Rundgang folgten zwei Inputs, die das Thema Landwirtschaft aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchteten.
Dr. Ophelia Nick MdB, agrarpolitische Sprecherin der Grünen Bundestagsfraktion und selbst mit landwirtschaftlichen Betrieben verbunden, zog eine nüchterne Bilanz der aktuellen Bundespolitik. Seit dem Ende der Ampelregierung sei ein deutlicher Rückschritt spürbar: Der neue Bundeslandwirtschaftsminister habe keine Vision. Förderungen und Unterstützung für Frauen in der Landwirtschaft sowie für ökologische Umstellung der Betreibe, seien gestoppt worden – mit erheblicher Unsicherheit für die betroffenen Höfe.
Nick erinnerte an konkrete Errungenschaften der grünen Regierungsbeteiligung: eine nationale Ernährungsstrategie, die nicht vorschreibt, was auf den Teller kommt, sondern gesunde Ernährung strukturell ermöglicht; das Bundesprogramm Zukunft der Tierhaltung, das – trotz Widerstand – eine Milliarde Euro für den Stallumbau sicherte; und der Bürgerrat Ernährung, dessen wichtigste Forderung kostenloses Schul- und Kitaessen war. Tierschutz, so Nick, werde nicht an der Kasse bezahlt – hier sei ein entsprechendes politisches Handeln dringend erforderlich.
Ihren Blick auf die Zukunft richtete Nick auf zwei Felder: Klimaresilienz – insbesondere der dramatische Sommer 2026 habe gezeigt, wie verletzlich Landwirtschaft gegenüber Extremwetterereignissen sei – und Rohstoffsouveränität. Diversität in der Landwirtschaft sei keine romantische Idee, sondern eine strukturelle Notwendigkeit: Neuntausend Bäckereien seien widerstandsfähiger als drei Großkonzerne.
Sophie Kraul, engagiertes Mitglied des Grünen Kreisverbands Calw und selbst Inhaberin eines Demeter-Hofes, ergänzte die parlamentarische Perspektive mit dem Blick aus der Praxis. Politik ist für Landwirtinnen und Landwirte keine abstrakte Angelegenheit – sie ist die zentrale Einkommensquelle. „Wir erhalten unseren Betrieb mit dem Geld, das wir von Brüssel und Stuttgart bekommen", brachte sie es auf den Punkt. Die Gemeinsame Agrarpolitik der EU (GAP), die die finanzielle Vergütung und Förderung landwirtschaftlicher Betriebe regelt und deren aktuelle Periode 2027 ausläuft, werde gerade für die kommende Periode neu verhandelt. Der Ausgang entscheide mit über die Zukunft vieler Höfe in der Region.
Kraul rief zu konkretem Handeln auf: Regional kaufen stärkt die Höfe direkt. Und bei Wahlen – auch Europawahlen – geht es um Agrarpolitik, auch wenn diese Themen selten bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern ankommen.
Zu weiteren Themen des Nachmittags gehörten Agri-PV als Möglichkeit der Doppelnutzung von Flächen, die Bedeutung von Humusaufbau und Wasserrückhalt in der Klimaanpassung sowie die Frage der Gentechnikkennzeichnung – die grüne Position ist klar: volle Transparenz, keine Abschwächung unter dem Deckmantel des Bürokratieabbaus.
Der Abend zeigte, was möglich ist, wenn Politik nicht im Sitzungssaal bleibt, sondern dorthin geht, wo sie wirkt: auf den Hof, in den Boden, zu den Menschen, die täglich Verantwortung für Ernährung und Natur übernehmen.
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